Kulturgeschichtliche Streiflichter
Gemeindehaus Schönau/Donau
Bis zum 1. Jänner 1972 war Schönau eine selbständige Gemeinde. Im Zuge der niederösterreichischen Kommunalstrukturverbesserung wurde der Ort nach Groß-Enzersdorf eingemeindet. Ein wichtiger Meilenstein in der Ortsgeschichte war die Errichtung des neuen Gemeindehauses mit dem Zeughaus der Freiwilligen Feuerwehr Schönau. Das Gebäude wurde im Jahr 1961 neben dem alten Milchhaus feierlich eröffnet. Obwohl die Eröffnungsfeier bei Regenwetter stattfand, wurde das neue Gemeindezentrum in einem würdigen und festlichen Rahmen seiner Bestimmung übergeben. Bis heute erinnert das Gebäude an die Zeit, als Schönau noch eine eigenständige Gemeinde war. Foto © Topothek Groß-Enzersdorf


Marielkapelle
Seit beinahe 200 Jahren prägt die kleine Kapelle am Reither-Ring das Ortsbild und erinnert an ein außergewöhnliches Ereignis der Regionalgeschichte. Errichtet wurde sie im Jahr 1844 vom Wirtschaftsbesitzer Sebastian Glaser. Mit ihrer Entstehung verbindet sich eine Überlieferung, die bis heute weitergegeben wird: Während des verheerenden Hochwassers von 1830 soll das heute in der Kapelle verehrte Marienbild an dieser Stelle angeschwemmt worden sein. Das Hochwasser des Jahres 1830 zählt zu den schwersten Naturkatastrophen, die das Marchfeld im 19. Jahrhundert heimsuchten. Am 28. Februar 1830 hatte sich auf Höhe von Stadlau durch Treibeis ein gewaltiger Eisstoß gebildet. Als dieser in der Nacht zum 1. März brach, setzten enorme Wassermassen ihren zerstörerischen Weg durch die Region fort. Die Flut strömte von Leopoldau über Breitenlee, Markgrafneusiedl, Großhofen, Glinzendorf, Rutzendorf, Kimmerleinsdorf, Breitstetten, Haringsee, Straudorf und Wagram an der Donau, ehe sie bei Stopfenreuth wieder in das Flussbett der Donau zurückkehrte. . Die Folgen waren verheerend. Insgesamt verloren 74 Menschen ihr Leben. Besonders schwer traf es Kimmerleinsdorf, das vollständig zerstört und neu als Franzensdorf errichtet wurde. Die Erinnerung an diese Katastrophe blieb in der Bevölkerung über Generationen lebendig und fand ihren Ausdruck auch in zahlreichen Erzählungen und religiösen Traditionen. Vor dem Hintergrund dieser verheerenden Ereignisse gewann das Marienbild, das der Überlieferung nach während der Flut am Reither-Ring angeschwemmt wurde, eine besondere Bedeutung für die Bevölkerung. In einer Zeit, in der Naturkatastrophen oft als Schicksalsfügungen verstanden wurden, galt sein Auftauchen vielen Menschen als Zeichen göttlichen Beistands und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Erinnerung daran blieb über Jahre hinweg lebendig und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Die Marienkapelle entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem Ort des stillen Gedenkens und der Marienverehrung. Zugleich erinnert sie an die gewaltige Hochwasserkatastrophe des Jahres 1830, die das Marchfeld nachhaltig prägte. Als religiöses und kulturhistorisches Kleinod bewahrt sie die Erinnerung an die Erfahrungen früherer Generationen und veranschaulicht, wie eng Glauben, Alltag und Naturereignisse in der Lebenswelt der Menschen miteinander verbunden waren. Foto © Topothek Groß-Enzersdorf
Rathaus
Das heutige Rathaus von Groß-Enzersdorf war ursprünglich das alte Bürgerspital, das der Armen- und Altenpflege diente. Gegründet wurde die Einrichtung 1423 durch den Freisinger Bischof Nikodem von Freising und erfüllte über Jahrhunderte eine wichtige soziale Aufgabe für die Stadt. Nach den Zerstörungen der Türkenkriege wurde der Spitalskomplex 1697 im Stil des Hochbarocks erneuert. Aus dieser Zeit stammt auch der prächtige Volutengiebel der ehemaligen Bürgerspitalskirche, der bis heute das Erscheinungsbild des Gebäudes prägt. Im Zuge der josephinischen Reformen wurde die Kirche 1794 profaniert und weltlichen Zwecken zugeführt. In den folgenden Jahrzehnten erfuhr die Anlage unterschiedliche Nutzungen. Ab 1868 war hier die neu gegründete Freiwillige Feuerwehr Groß-Enzersdorf untergebracht. In den 1920er-Jahren erwarb die Stadtgemeinde die ehemalige Kirche und richtete darin das Rathaus ein. Seit dieser Zeit schmückt der „Freisinger Mohr“ die Fassade. Das Symbol erinnert an die jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Hochstift Freising und bildet den oberen Teil des Groß-Enzersdorfer Gemeindewappens. Heute ist das Gebäude der zentrale Verwaltungssitz der Stadtgemeinde. Neben den Amtsräumen des Bürgermeisters und der Stadtregierung beherbergte es ab den 1970er-Jahren das Heimatmuseum. Seit 2024 befindet sich hier das Stadtmuseum Foto © Topothek Groß-Enzersdorf


Huckepacktransport
Bis heute verfügt die Stadt Groß-Enzersdorf über keine direkte Eisenbahnverbindung. Dennoch waren mehrere bedeutende Industriebetriebe über Jahrzehnte hinweg auf den Transport per Eisenbahn angewiesen. Um diesen Bedarf zu decken, entwickelte sich eine außergewöhnliche Logistiklösung, die im Volksmund als „Huckepacktransport“ bezeichnet wurde. Ausgangspunkt war der Bahnhof Raasdorf, der als nächstgelegener Eisenbahnanschluss diente. Von dort wurden einzelne Eisenbahnwaggons auf speziellen Transportfahrzeugen nach Groß-Enzersdorf gebracht. Charakteristisch für dieses Verfahren war, dass jeweils nur ein einziger Eisenbahnwaggon pro Transport bewegt werden konnte. Die leeren Waggons kamen vom Bahnhof Raasdorf, wurden quer durch den Ort geführt und passierten dabei zwei Stadttore von Groß-Enzersdorf. Anschließend gelangten sie zu den außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern gelegenen Industriebetrieben. Vor Ort wurden die Waggons auf den firmeneigenen Gleisanlagen rangiert, be- oder entladen und danach wieder für den Rücktransport vorbereitet. Die voll beladenen Waggons wurden schließlich auf demselben Weg zurück zum Bahnhof Raasdorf gebracht, wo sie in die Güterzüge eingestellt und ihrem weiteren Bestimmungsort zugeführt wurden. Dieser ungewöhnliche Ablauf prägte über viele Jahre das Erscheinungsbild des Orts und stellte eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Straßen- und Schienenverkehr dar. Von besonderer Bedeutung war der Huckepacktransport für drei große Unternehmen in Groß-Enzersdorf. Dazu zählte die NCR National Registrier-Kassen Ges.m.b.H. in der Industriestraße. Ebenso nutzte das Eskimo/Iglo-Werk in der Industriestraße diese Transportmöglichkeit. Dort kamen vor allem Tiefkühl-Eisenbahnwaggons zum Einsatz, die für den Transport von Tiefkühlprodukten ausgelegt waren. Das dritte Unternehmen war die Firma Erich Rosendorfsky ebenfalls in der Lobaustraße. Der Huckepacktransport war damit eine für Groß-Enzersdorf einzigartige und heute weitgehend in Vergessenheit geratene Form der Güterlogistik. Die Verbindung von Schiene und Straße machte es möglich, trotz fehlender Bahnlinie einen effizienten Güterverkehr aufrechtzuerhalten. Er veranschaulicht eindrucksvoll, mit welchem technischen und organisatorischen Aufwand die örtlichen Industriebetriebe ihre Warenströme bewältigten, bevor moderne Logistikzentren und der zunehmende Straßengüterverkehr diese Aufgaben übernahmen. Gleichzeitig stellt dieses Kapitel der Wirtschaftsgeschichte ein interessantes kulturgeschichtliches Zeugnis dar, das die enge Verflechtung von Industrie, Verkehr und Stadtentwicklung in Groß-Enzersdorf dokumentiert. Foto © Topothek Groß-Enzersdorf
Zeppelin
Am 12. Juli 1931 richteten sich die Blicke ganz Wiens und des Marchfeldes gen Himmel: Das berühmte Luftschiff „Graf Zeppelin“ mit der Luftschiffnummer D-LZ 127 näherte sich im Landeanflug über Groß-Enzersdorf dem Flugfeld Aspern. In der Nähe des Wiener Tores bot sich den Bewohnerinnen und Bewohnern ein spektakulärer Anblick, als das riesige Luftschiff majestätisch über die Stadt glitt. Viele Groß-Enzersdorfer hielten diesen besonderen Moment fotografisch fest und bewahrten damit ein eindrucksvolles Zeugnis einer Zeit, in der Zeppeline als technische Wunderwerke und als Könige der Lüfte galten. In den Zwischenkriegsjahren erlebten die Zeppeline ihre große Blütezeit. Sie standen für Fortschritt, Eleganz und die Faszination des modernen Reisens. Die Landung des „Graf Zeppelin“ in Wien wurde daher zu einem gesellschaftlichen Großereignis, das rund 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauer anzog. Bereits in der Nacht zuvor hatten zahlreiche Wienerinnen und Wiener rund um das Gelände des Flugfeldes Aspern campiert, um sich die besten Plätze zu sichern. Die Zeitungen berichteten ausführlich über das bevorstehende Ereignis und gaben genaue Hinweise, wie man mit Straßenbahn, Autobus oder den eigens eingerichteten Sonderzügen der Ostbahn zum Flugfeld gelangen konnte. Auch organisatorisch war das Ereignis eine logistische Meisterleistung. 300 Soldaten des Bundesheeres wurden zur Sicherung des Luftschiffes am Boden eingesetzt. Für das Publikum standen Zuschauerplätze zu Preisen von einem, zwei, fünf und sogar 20 Schilling zur Verfügung. Die Sommerhitze erreichte bis zu 31 Grad, weshalb für die Versorgung der Menschenmengen umfangreiche Vorbereitungen getroffen wurden: Das Flughafenrestaurant stellte 30.000 Flaschen Bier, 30.000 Liter Fassbier, 20.000 antialkoholische Getränke, 2.000 Kilogramm Wurstwaren und zwei Zentner Gulaschfleisch bereit. Zusätzlich sorgten zahlreiche provisorische Buschenschanken sowie mobile Händler mit Eis, Gurken und Andenken für das leibliche Wohl der Schaulustigen. Als das Luftschiff gegen 8.15 Uhr am Flugplatz eintraf, wurde es von prominenten Ehrengästen empfangen. Unter ihnen befanden sich Bundespräsident Wilhelm Miklas, Bundeskanzler Karl Buresch, der Wiener Vizebürgermeister Georg Emmerling sowie zahlreiche Minister und Vertreter des öffentlichen Lebens. Die mediale Aufmerksamkeit war enorm: Die Selenophon-Tonfilmschau Austria dokumentierte das Massenspektakel in einer eindrucksvollen Reportage und machte das Ereignis auch weit über Wien hinaus bekannt. Nach dem Zwischenstopp in Aspern startete der „Graf Zeppelin“ zu einem Rundflug über weite Teile Österreichs, an dem zahlreiche prominente Gäste an Bord teilnahmen. Gegen 18 Uhr kehrte das Luftschiff nochmals nach Aspern zurück und blieb dort für etwas mehr als eine Stunde. Für viele Menschen blieb dieser Tag unvergesslich – nicht nur wegen der technischen Sensation, sondern auch wegen des Gefühls, Zeugin oder Zeuge eines historischen Augenblicks geworden zu sein. Der Überflug über Groß-Enzersdorf war dabei ein ganz besonderer Moment, der bis heute als kulturgeschichtliches Streiflicht an die große Zeit der Luftschiffe erinnert. Foto © Topothek Groß-Enzersdorf


1. Ehrenbürger
Jean-Pierre Blanchard zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten der frühen Luftfahrtgeschichte. Der französische Luftfahrtpionier war durch seine zahlreichen Ballonfahrten europaweit berühmt und wurde von seinen Zeitgenossen als Himmelfahrer, Luftfahrer, Ballonfahrer und Luftfahrtkünstler gleichermaßen gefeiert. Bereits zuvor hatte er Geschichte geschrieben, als er als erster Mensch den Ärmelkanal mit einem Ballon überquerte. Sein Ballon war mit Wasserstoff gefüllt, der Korb in Form eines kleinen Schiffes gestaltet – ganz dem Zeitgeist entsprechend eine Mischung aus Wissenschaft, Technik und öffentlichem Schauspiel. Als Blanchard nach Wien kam, stieß er zunächst auf Zurückhaltung. Joseph II. hatte Ballonauffahrten verboten und zeigte wenig Interesse an den spektakulären Plänen des Franzosen. Dennoch ließ sich Blanchard nicht entmutigen. Nach mehreren Rückschlägen – darunter ein missglückter Versuch, bei dem er und seine Frau aus einem beschädigten Ballon stürzten und ausgerechnet nahe der Hofgesellschaft landeten – setzte er seine Bemühungen unbeirrt fort. Ein wichtiger Schritt zur Popularisierung seiner Unternehmung war die Ausstellung seines Ballons in der Mehlgrube am Neuen Markt in Wien, die gegen Eintrittsgeld besichtigt werden konnte. Dieses Ereignis entwickelte sich zu einem regelrechten Publikums- und Medienspektakel, das die Faszination für die Luftfahrt in der Bevölkerung weiter anfachte. Am 6. Juli 1791 war es schließlich so weit: Im Prater startete Jean-Pierre Blanchard zu seiner berühmten 38. „Luftreise“, diesmal in Gegenwart des Kaisers. Erzherzog Franz soll eigenhändig die Halteseile durchschnitten haben, um den Aufstieg freizugeben. Zu Mittag erhob sich der Wasserstoffballon erfolgreich in die Luft und blieb etwa 14 Minuten lang sichtbar, bevor er in den Wolken verschwand. Nach ungefähr einer Stunde Flug landete Blanchard schließlich vor den Toren von Groß-Enzersdorf an der Donau. Die Landung wurde zu einem triumphalen Empfang. Zeitgenössische Berichte schildern, dass Blanchard von den Einwohnern bereits am Stadttor mit Musik empfangen, mit vielen Ehrenbezeugungen in den Ort geleitet und feierlich aufgenommen wurde. Seine Fahne, die er der Stadt als Denkmal überließ, wurde sogar in der Kirche aufgestellt. Aufgrund dieses außergewöhnlichen Ereignisses ernannte man ihn – wie bereits zuvor in Calais – zum Ehrenbürger. Damit wurde Jean-Pierre Blanchard zum ersten überlieferten Ehrenbürger von Groß-Enzersdorf. . Die Ballonfahrt war nicht nur ein technisches Ereignis, sondern ein kulturelles Spektakel sondergleichen. Zeitungen berichteten ausführlich darüber, und das Ereignis fand bald auch Eingang in die zeitgenössische Musik und Unterhaltungskultur. Der Name Blanchard blieb über Generationen hinweg lebendig. Ein interessantes Detail seines Lebens zeigt auch die außergewöhnliche Rolle seiner Frau Sophie Blanchard: Als Jean-Pierre Blanchard am 7. März 1809 während einer Ballonfahrt einen Schlaganfall erlitt und verstarb, setzte sie als erste professionelle Ballonfahrerin Europas die Reihe der Schauvorführungen fort und schrieb selbst Luftfahrtgeschichte. Noch heute erinnert in Groß-Enzersdorf vieles an dieses sensationelle Ereignis vor mehr als 230 Jahren. Ein Denkmal im Stadtpark erinnert an die berühmte Landung des Luftfahrtpioniers, und außerhalb der Stadtmauern trägt die Blanchardgasse seinen Namen. Jean-Pierre Blanchard blieb damit nicht nur als Pionier der Luftfahrt in Erinnerung, sondern auch als kulturgeschichtliche Besonderheit und erster Ehrenbürger von Groß-Enzersdorf. Foto © Topothek Groß-Enzersdorf
Winklersiedlung
In den 1920er- und 1930er-Jahren prägte Ing. Hugo Winkler als Baumeister und Gemeinderat die Entwicklung von Groß-Enzersdorf auf besondere Weise. Sein Name ist bis heute mit einem Siedlungsgebiet verbunden, das weit über seine ursprüngliche Funktion hinaus zu einem kulturgeschichtlichen Zeugnis des städtischen Wachstums wurde: der Winklersiedlung. Winklers Betrieb befand sich außerhalb der historischen Stadtmauer an der Schloßhofer Straße, direkt gegenüber der Endstation der Straßenbahnlinie 317. Obwohl die Besiedelung außerhalb der Stadtmauer bereits um 1900 begonnen hatte, war das Gebiet rund um seinen Betrieb damals noch weitgehend von Feldern und Wiesen geprägt. Nur im Bereich nahe der Straßenbahnendstation war bereits 1903 auf einem größeren Areal die k.u.k. Versuchswirtschaft errichtet worden, die als landwirtschaftliche Forschungs- und Versuchsanstalt diente. Hugo Winkler erkannte früh das Potenzial dieser Lage. Die gute Verkehrsanbindung durch die Straßenbahn und die Nähe zur Stadt machten das Gebiet attraktiv für eine zukünftige Wohnsiedlung. Er kaufte nach und nach die umliegenden Felder rund um seinen Betrieb, ließ sie in Bauland umwidmen und begann mit der systematischen Errichtung einer neuen Wohnsiedlung. Diese erhielt bald seinen Namen und wurde als Winklersiedlung bekannt. Die Häuser wurden nach drei bis vier unterschiedlichen Bautypen errichtet, was eine rationelle und kostengünstige Bauweise ermöglichte. Über Zeitungsinserate bewarb Winkler seine Häuser offensiv und sprach gezielt Menschen an, die sich den Traum vom Eigenheim zu vergleichsweise günstigen Preisen erfüllen wollten. Damit galt er im Raum Wien als ausgesprochener Billiganbieter von Wohnhäusern. Dennoch zeigte er Flexibilität und ging auch auf individuelle Wünsche der Käufer ein, etwa wenn Geschäftslokale oder besondere Grundrisslösungen gewünscht wurden. Die Winklersiedlung wurde zunächst vor allem von Zugezogenen besiedelt – Menschen, die außerhalb von Groß-Enzersdorf kamen und hier durch günstige Bedingungen neuen Wohnraum fanden. Damit wurde die Siedlung nicht nur zu einem baulichen Projekt, sondern auch zu einem sozialen Motor für die Erweiterung der Stadt. Sie steht beispielhaft für die Entwicklung vieler Randgebiete im Wiener Umland, in denen zwischen den Weltkriegen neuer Wohnraum für eine wachsende Bevölkerung geschaffen wurde. Das Leben und Wirken Hugo Winklers nahm jedoch durch die politischen Ereignisse des Jahres 1938 ein abruptes Ende. Da er jüdischer Abstammung war, wurde er nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich verfolgt. Er musste gemeinsam mit seiner Familie emigrieren und seine Heimat verlassen. Damit endete sein Wirken in Groß-Enzersdorf abrupt, obwohl sein Einfluss auf das Stadtbild bis heute sichtbar geblieben ist. In einer später entstandenen Siedlung nahe der von ihm erbauten Winklersiedlung wurde ihm schließlich auch offiziell ein bleibendes Andenken gesetzt: Eine Straße wurde nach Hugo Winkler benannt. Damit erinnert Groß-Enzersdorf bis heute an einen Mann, der mit Weitblick, Unternehmergeist und baulichem Engagement die Entwicklung dieses Stadtteils entscheidend mitgestaltet hat. Foto © Topothek Groß-Enzersdorf


Autokino
Das Autokino Groß-Enzersdorf ist ein Stück Wiener Vorstadt-Kinogeschichte und zugleich ein außergewöhniges kulturgeschichtliches Zeugnis der Freizeitkultur der Nachkriegszeit. Eröffnet wurde es am 24. August 1967 als erstes „Drive-in“-Kino Österreichs – ein damals spektakuläres Projekt, das amerikanisches Lebensgefühl nach Niederösterreich brachte. Auf dem landwirtschaftlich genutzten Ried „Weinlingerfeld“, besser bekannt als Blanchard-Feld, entstand eine Attraktion, die rasch Kultstatus erlangte. Der Name des Feldes erinnert an den französischen Ballonfahrer Jean-Pierre Blanchard, der hier bereits 1791 mit seinem Ballon vor den Toren der Stadt landete. Zur Eröffnung lockte das Autokino bereits 1.550 Kraftfahrzeuge an. Gezeigt wurde der Western „Apache“ mit Burt Lancaster – ein passender Auftakt für ein Kinoformat, das Abenteuer, Freiheit und modernes Lebensgefühl verkörperte. Errichtet wurde das Projekt von einer privaten Gesellschaft um rund 18 Millionen Schilling. Neben der großen Leinwand gehörte auch eine moderne „Snack Bar“ zum Konzept – das damals als besonders modern und glamourös galt. Schon bis zum Ende des ersten Jahres konnten rund 50.000 Besucher verzeichnet werden – ein deutlicher Beweis dafür, dass das Konzept auf großes Interesse stieß. Bereits 1968 fanden tägliche Filmvorführungen statt, und es wurden mehr als 120 Filme gezeigt. Rund 150.000 Besucher kamen in etwa 6.500 Autos, vor allem aus Wien und Niederösterreich. Das Autokino entwickelte sich rasch zu einem beliebten Ausflugsziel für Familien, Paare und Jugendliche. Der Kinobesuch wurde zum gesellschaftlichen Ereignis – man blieb im eigenen Auto, hörte den Ton über Lautsprecher und genoss Filme unter freiem Himmel. „Das war damals einfach etwas Besonderes“, erinnern sich viele Besucher an den Beginn des Groß-Enzersdorfer Autokinos in den 1960er-Jahren. Auch wirtschaftlich brachte das Kino Vorteile für die Gemeinde. Durch die Lustbarkeitsabgabe sowie zahlreiche direkte und indirekte Steuern profitierte die Gemeindekasse erheblich von der Errichtung des Betriebs. Das Autokino war somit nicht nur ein kultureller, sondern auch ein wirtschaftlicher Impulsgeber für die Region. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde das Autokino zu einem beliebten Treffpunkt und erreichte seinen Kultstatus. Für viele Menschen war es weit mehr als nur ein Kino – es war ein Ort des gesellschaftlichen Lebens, des Flirts, der Jugendkultur und des besonderen Wochenenderlebnisses. Später wurde die Anlage 1990 zu einem „Center“ mit drei Leinwänden umgebaut, um sich den veränderten Sehgewohnheiten anzupassen. Doch auch das Autokino blieb von wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht verschont. 2015 musste der Betrieb im Zuge eines Konkursverfahrens eingestellt werden. Auf dem Gelände fand jedoch weiterhin an Sonntagen ein gut besuchter Flohmarkt statt, sodass das Areal nie ganz aus dem öffentlichen Leben verschwand. Im Mai 2020 wurde das Autokino schließlich aufgrund großer Nachfrage renoviert und wiedereröffnet. Gerade in einer Zeit, in der kontaktarme Freizeitangebote besonders gefragt waren, erlebte das klassische Drive-in-Kino eine überraschende Renaissance. Heute ist das Autokino Groß-Enzersdorf das einzige Autokino Österreichs und damit ein seltenes Relikt einer fast vergangenen Kinokultur. Seine beinahe 60-jährige Geschichte ist von Höhen und Tiefen geprägt – von Aufbruchsstimmung und Wirtschaftswunder, von Kultstatus und Krisenzeiten, von Schließung und Wiedergeburt. Das Autokino Groß-Enzersdorf bleibt damit nicht nur ein Ort des Films, sondern auch ein lebendiges Symbol für Freizeitgeschichte, Mobilität und die besondere Verbindung zwischen Kino und Alltagskultur. Foto © Topothek Groß-Enzersdorf
Donau-Oder Kanal
Die Vision einer schiffbaren Verbindung zwischen Donau und Oder reicht weit zurück: Bereits 1719 legte Norbert Wenzel Linck einen ersten Entwurf vor, und schon im 14. Jahrhundert hatte Kaiser Karl IV. eine solche Wasserstraße in Betracht gezogen. Konkrete Bedeutung erhielt das Projekt jedoch erst im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung und die Erschließung der schlesischen Kohlevorkommen den Bedarf nach leistungsfähigen Transportwegen stark erhöhten. 1870 beantragte die Anglo-österreichische Bank eine Konzession für den Bau eines Kanals nach Plänen der Ingenieure Ponken und Oelwein, die 1873 auch erteilt wurde. Die wirtschaftlichen Folgen des Börsenkrachs im selben Jahr verhinderten jedoch die Umsetzung. Weitere Initiativen – etwa durch ein französisches Konsortium 1892 und eine erneute Bewerbung der Bank 1897 – blieben ebenfalls erfolglos. Erst um 1900 nahmen die Planungen wieder Fahrt auf: 1901 beschloss man ein groß angelegtes Wasserstraßennetz, das neben dem Donau-Oder-Kanal auch Verbindungen zur Moldau sowie Abzweigungen zur Weichsel und zum Dnjestr vorsah. Bis 1910 waren die Pläne für die rund 410 Kilometer lange Strecke von Wien bis Krakau baureif, inklusive 29 geplanter Schleusen. Doch der Erste Weltkrieg und der Zerfall der Habsburgermonarchie verhinderten die Realisierung. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Projekt erneut aufgegriffen und in veränderter Form weiterverfolgt. Geplant war nun eine etwa 320 Kilometer lange Wasserstraße von der Oder bis nach Wien, die einen Höhenunterschied von 124 Metern überwinden sollte. 1939 begann man mit Bauarbeiten, doch bereits 1940 wurden diese wieder eingestellt. In Österreich entstanden lediglich rund 4,2 Kilometer Kanal, vor allem in der Lobau und bei Groß-Enzersdorf. Diese Abschnitte, bekannt als DOK I bis IV, sind bis heute erhalten: Während 2 Becken seit den 1960er parzelliert und bebaut wurden, liegen die anderen beiden Becken im naturbelassenen Gebiet des Nationalparks Donau-Auen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gesamtprojekt nicht mehr weiterverfolgt. Lediglich in Polen entstand in den 1960er-Jahren ein kurzer Abschnitt, der heute industriellen Zwecken dient. So blieb der Donau-Oder-Kanal ein nie vollendetes Großprojekt, das über Jahrhunderte hinweg immer wieder aufgegriffen wurde. Die erhaltenen Teilstücke in der Landschaft erinnern bis heute an eine technische Vision, die eng mit den wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen Europas verknüpft war. Foto © Ansichtskarte Topothek Groß-Enzersdorf


Die Kavalleriekaserne
Bereits im Zuge der Heeresreform des Jahres 1849 kam es in den darauffolgenden Jahrzehnten auch in Friedenszeiten im Marchfeld zu einer verstärkten Bequartierung von Kavallerieregimentern. Verbände wie Kürassiere, Husaren, Ulanen und Dragoner prägten zunehmend das regionale Bild. Da es jedoch an geeigneten Kasernen mangelte, mussten die Soldaten oftmals beim „Bürger und Landmann“ Unterkunft finden – eine Situation, die sowohl für die Militärverwaltung als auch für die Bevölkerung auf Dauer unbefriedigend war. Ab den 1880er Jahren veränderte sich die außenpolitische Lage der Donaumonarchie grundlegend. Das strategische Zusammenrücken mit Preußen führte zu einem defensiven Bündnis gegen Russland, wodurch die militärische Präsenz im Osten des Reiches deutlich verstärkt wurde. 3 von 4 Kavallerietruppendivisionen wurden aus strategischen Gründen in dieser Region stationiert. In dieser Zeit erkannten viele Städte und Gemeinden die wirtschaftlichen Chancen, die mit dem Status einer Garnisonsstadt verbunden waren. Da die hohen Baukosten die Reichsfinanzen überstiegen, wurden neue Kasernen vielfach auf Kosten der Kommunen errichtet und anschließend an das Kriegsministerium vermietet. Nach etwa zwanzig Jahren sollte ein Großteil der Investitionskosten – rund 2/3 – wieder in die Gemeindekassen zurückfließen. Vor diesem Hintergrund stellte die Stadtgemeinde Groß-Enzersdorf im Jahr 1890 unter Bürgermeister Norbert Marcher ein Angebot zur Errichtung einer Kavalleriekaserne außerhalb der Stadtmauern. Die Gemeinde stellte nicht nur den Bauplatz, sondern auch einen Exerzierplatz sowie eine Elementarschießstätte zur Verfügung. Am Bau waren zahlreiche renommierte Firmen aus dem Raum Wien beteiligt, wie erhaltene Rechnungen belegen. Die Anlage wurde als Ziegelbau im Stil des Historismus errichtet, wobei über 3 Millionen Ziegel verarbeitet wurden. . Am 9. September 1891 wurde das Kasernenareal der Militärverwaltung übergeben. Es umfasste Mannschaftsgebäude für Soldaten und Offiziere, ein Arrest- und Waschküchengebäude, Stallungen für die Pferde, gedeckte und offene Reitschulen sowie eine Beschlagschmiede. Kurz darauf zogen Dragoner- und Ulanenregimenter ein, und die Kaserne entwickelte sich für fast ein Vierteljahrhundert zu einer bedeutenden Ausbildungsstätte für Soldaten und Pferde. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 änderte sich die Nutzung der Anlage schlagartig. Die stationierten Kavallerieregimenter wurden im Eilmarsch an die Front verlegt, und die Kaserne diente fortan verschiedenen militärischen Einheiten und Einrichtungen als Unterkunft. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie und dem Verzicht Kaiser Karls I. auf die Regierungsgeschäfte wurde im November 1918 die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung stellte man Volkswehrbataillone auf, von denen eines in der ehemaligen Kavalleriekaserne untergebracht war. Im Volksmund erhielt sie in dieser Zeit die Bezeichnung „Reiterkaserne“. Im Jahr 1920 erfolgte schließlich die Rückstellung der seit 1891 von der Heeresverwaltung genutzten Kaserne an die Stadtgemeinde Groß-Enzersdorf. Kurz darauf wurde der Gebäudekomplex an die Gemeinde Wien verkauft, die dort eine land- und forstwirtschaftliche Betriebsgesellschaft einrichtete. Heute zeugt die Anlage weiterhin von ihrer bewegten Geschichte: Neben einem Reitstall sind mittlerweile auch zahlreiche Wohnungen in den historischen Gebäuden untergebracht. Foto © Ansichtskarte Topothek Groß-Enzersdorf
Die Dampftramway
Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war die Verbindung zwischen Groß-Enzersdorf und Wien eine beschwerliche Angelegenheit. Das einzige öffentliche Verkehrsmittel stellte die im Jahr 1868 gegründete Wiener Tramway-Gesellschaft dar, die mit ihren von zweiPferden gezogenen Gesellschaftwagen (Stellwagen) eine fahrplanmäßige Verbindung zwischen Groß-Enzersdorf und der Wiener Leopoldstadt (Taborstraße) und retour sicherstellte. Ein weitreichendes Pferdebahnnetz entstand, das als Vorläufer der späteren Dampftramway gelten kann. Für Groß-Enzersdorf brachte diese Entwicklung tiefgreifende Veränderungen mit sich – etwa die Durchbrechung der nördlichen Stadtmauer und die Errichtung eines fünften Stadttores, des heutigen Wiener Tores. Einen entscheidenden Schritt stellte die Tätigkeit der Dampftramway-Gesellschaft vormals Krauss & Comp. (DTKC) dar, eines österreichischen Verkehrsunternehmens mit Standorten in München und Linz. Am 3. April 1884 erhielt die Gesellschaft die Konzession zum Bau und Betrieb einer normalspurigen Lokalbahn. Es entstanden zwei große Streckennetze: ein südliches vom Gaudenzdorfer Gürtel bis Mödling mit einer Abzweigung nach Ober St. Veit sowie ein nördliches Netz von Wien nach Stammersdorf und von Floridsdorf nach Groß-Enzersdorf. Die nördliche Linie wurde 1886 eröffnet. Am 7. Juni desselben Jahres „ratterte und pfauchte“ erstmals die Dampftramway von der Stefaniebrücke (heute Salztorbrücke) bis nach Groß-Enzersdorf. Damit war die lang ersehnte Anbindung an Wien – „die große Welt“, wie man damals sagte – endlich Realität geworden. In Groß-Enzersdorf führte die Strecke über die Wiener Straße durch das Wiener Tor, weiter über die Schloßhoferstraße an der Kirche vorbei mit Halt am Hauptplatz, passierte das Wittauertor und endete nach rund 400 Metern am Betriebsgelände. Dieses umfasste ein Stationsgebäude, eine Remise, ein Koksmagazin sowie einen Güterschuppen. Ein Nebengleis führte zum Holzlagerplatz der Firma Fürth, was auf die Bedeutung des Güterverkehrs hinweist. Besonders im Jahr 1890 stieg dieser sprunghaft an – ausgelöst durch den Bau der Kavalleriekaserne und den enormen Bedarf von rund dreieinhalb Millionen Ziegeln. Die Dampftramway war für damalige Verhältnisse ein modernes Verkehrsmittel. Innerhalb von Ortschaften fuhr sie mit etwa 10 km/h, außerhalb mit 20 km/h und auf eigenem Gleiskörper sogar mit bis zu 25 km/h. Für die rund 20,5 Kilometer lange Strecke von Groß-Enzersdorf bis zur Stefaniebrücke benötigte sie etwa eine Stunde und 45 Minuten. Der Betrieb war jedoch aufwendig: Die Lokomotiven mussten bereits Stunden vor der Abfahrt aufgeheizt werden, damit der Dampfkessel die notwendige Betriebstemperatur erreichte. Schon in den Nachtstunden begannen die Vorbereitungen in Floridsdorf. Dort wurden die Garnituren – bestehend aus bis zu fünf Waggons – zusammengestellt, um pünktlich um 6:56 Uhr in Groß-Enzersdorf einsatzbereit zu sein. Der Bahnbetrieb erforderte eine Vielzahl an Fachkräften: vom Heizhaus- und Werkstättenleiter über Schaffner bis hin zu Bahnerhaltungs-Partieführern und Zugrevisoren. Die Dampftramway konnte mit ihren fünf Wagen bis zu 250 Personen befördern und wurde bedarfsorientiert eingesetzt. Anfangs erfreute sie sich großer Beliebtheit. Besonders soziale Tarife – etwa günstige Arbeiterkarten für 36 Kreuzer oder Ermäßigungen für Schulkinder – machten sie attraktiv. Doch trotz ihres Erfolgs konnte sich die Dampftramway langfristig nicht durchsetzen. Die starke Rauch- und Rußentwicklung sowie der vergleichsweise geringe Fahrkomfort führten zu wachsender Kritik. Gleichzeitig kündigte sich um die Jahrhundertwende mit dem Aufkommen der elektrischen Straßenbahn bereits ihr Ende an. Nach der Eingemeindung von Floridsdorf kam es zu Schwierigkeiten mit der Gemeinde Wien, woraufhin das Unternehmen zum Verkauf angeboten wurde. Im Jahr 1907 übernahm die Stadt Wien die „Dampftramway-Gesellschaft, vormals Krauss & Co.“. Die meisten Strecken wurden in das städtische Straßenbahnnetz integriert und schrittweise elektrifiziert. Das letzte Teilstück zwischen Kagran und Groß-Enzersdorf wurde schließlich 1922 umgestellt. Damit endete die Ära der Dampftramway – doch ihr Einfluss auf die Verkehrs- und Stadtentwicklung in und um Wien bleibt bis heute sichtbar. Foto © Ansichtskarte Topothek Groß-Enzersdorf


Ein Bundeskanzler aus Groß-Enzersdorf
Eine Stadt darf mit Recht stolz sein, wenn einer ihrer Söhne das höchste Regierungsamt erreicht – umso mehr, wenn dies in einer besonders schwierigen Zeit geschieht. So verhält es sich mit Karl Buresch aus Groß-Enzersdorf, der in einer Phase tiefgreifender politischer und wirtschaftlicher Krisen zum Bundeskanzler Österreichs wurde. . Als Buresch im Juni 1931 mit der Regierungsbildung betraut wurde, befand sich die junge Republik – kaum mehr als ein Jahrzehnt nach dem Ende der Monarchie im Jahr 1918 – in einer dramatischen Lage. Die Weltwirtschaftskrise hatte ihren Höhepunkt erreicht, und der Zusammenbruch der Creditanstalt erschütterte die österreichische Wirtschaft nachhaltig. Nachdem die zuvor vorgesehenen Politiker Otto Ender und Ignaz Seipel gescheitert waren, fiel die schwierige Aufgabe auf Buresch. Seine Regierung galt von Beginn an als Übergangskabinett – eine Notlösung in einer Zeit großer Unsicherheit. Karl Buresch wurde 1878 in Groß-Enzersdorf als Sohn eines Kaufmanns und Landwirts geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Wien schlug er die Laufbahn als Rechtsanwalt ein und eröffnete 1910 eine Kanzlei in seiner Heimatstadt. Über die Christlichsoziale Partei und den Bauernbund fand er früh den Weg in die Politik. Bereits 1909 wurde er in den Gemeinderat gewählt, von 1916 bis 1919 war er Bürgermeister von Groß-Enzersdorf. Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Buresch verstärkt in der niederösterreichischen Landespolitik. Seine politische Karriere führte ihn rasch in höhere Ämter: Neun Jahre lang war er Landeshauptmann von Niederösterreich. Auch seine Funktion als Klubobmann stärkte seine Stellung innerhalb der Partei und bildete eine wichtige Grundlage für seine Ernennung zum Bundeskanzler im Juni 1931. Seine Amtszeit dauerte knapp elf Monate, bis zum 20. Mai 1932. Historiker betonen, wie schwer diese Phase zu beurteilen ist, da Buresch mit außergewöhnlichen Herausforderungen konfrontiert war. Besonders die Rettung der Creditanstalt stellte eine nahezu unlösbare Aufgabe dar, die ohne internationale Unterstützung nicht zu bewältigen gewesen wäre. Auch innenpolitisch war die Situation äußerst angespannt. Die politischen Spannungen jener Jahre spiegelten die zunehmende Instabilität der Ersten Republik wider. Während seiner Regierungszeit kam es zum Bruch mit den Großdeutschen, und die Christlichsoziale Partei musste bei Wahlen deutliche Stimmenverluste hinnehmen. Im Jänner 1932 verließen die Großdeutschen schließlich die Regierung, woraufhin Buresch eine Minderheitsregierung aus Christlichsozialen und Landbund bildete. Die politische Lage blieb jedoch schwierig. Bei den für seine Partei verlustreichen Landtagswahlen in Niederösterreich, Salzburg und Wien konnten die Nationalsozialisten stark zulegen. In dieser angespannten Situation trat Buresch schließlich als Bundeskanzler zurück und übernahm erneut das Amt des Landeshauptmanns von Niederösterreich. Karl Buresch bleibt damit eine prägende Persönlichkeit der österreichischen Zwischenkriegszeit. Sein Lebensweg zeigt eindrucksvoll, wie eng lokale Herkunft und nationale Geschichte miteinander verbunden sein können – und wie sehr einzelne Persönlichkeiten in Zeiten großer Krisen gefordert sind. Foto © Heimatverein, Topothek Groß-Enzersdorf
Die Anfänge der Lokalzeitung
Der „Bezirks-Bote für die politischen Bezirke Mistelbach und Groß-Enzersdorf“ zählt zu den frühen Beispielen regionaler Presse im nordöstlichen Weinviertel und bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Entwicklung der Lokalberichterstattung im späten 19. Jahrhundert. Sein Verbreitungsgebiet umfasste die Bezirke Mistelbach sowie den damals eigenständigen, heute zum Bezirk Gänserndorf gehörenden Raum Groß-Enzersdorf. Die Wurzeln dieses Blattes reichen in das Jahr 1881 zurück, als der „Mistelbacher Bote“ gegründet wurde. Initiator war der aus Wien stammende Viktor Grohmann, ein erfahrener Zeitungsmacher, der bereits zuvor mit der „Mödlinger Zeitung“ und der „Döblinger Zeitung“ regionale Presseprojekte ins Leben gerufen hatte. Die erste Ausgabe erschien zu Beginn des Jahres 1881, wobei Grohmann sowohl als Herausgeber als auch als verantwortlicher Redakteur fungierte. Inhaltlich konzentrierte sich das Blatt der „Bezirks-Bote für die politischen Bezirke Mistelbach und Groß-Enzersdorf“ zunächst vor allem auf überregionale politische Entwicklungen und allgemeine Ereignisse. Dies lag nicht zuletzt daran, dass ein lokales Korrespondentennetz erst aufgebaut werden musste. Entsprechend gering fiel der Anteil an Lokalnachrichten in den ersten Ausgaben aus. Bereits ab Ende März 1881 erschien der Bezirks-Bote regelmäßig einmal wöchentlich, jeweils sonntags. Im Juni desselben Jahres wurde der Titel in „Bezirks-Bote für die politischen Bezirke Mistelbach und Großenzersdorf“ geändert, was eine Ausweitung des inhaltlichen und geografischen Anspruchs widerspiegelte. Noch im selben Jahr, Ende November 1881, kam es zu einem Eigentümerwechsel. Redaktion und Administration wurden daraufhin in die Wiener Innenstadt verlegt. Neuer Herausgeber und verantwortlicher Redakteur wurde Josef Vorwahlner. Trotz dieser Umstrukturierungen war dem Blatt kein langfristiger Erfolg beschieden: Bereits Ende März 1882 wurde die Zeitung eingestellt. Viktor Grohmann ließ sich davon jedoch nicht entmutigen. Bereits im Mai 1882 trat er erneut als Zeitungsgründer in Erscheinung. Am 14. Mai erschien die erste Ausgabe des „Illustrirten Bezirks-Bote für die politischen Bezirke Mistelbach und Groß-Enzersdorf“. Darin äußerte Grohmann offen seine Enttäuschung über das rasche Ende des ursprünglichen Bezirks-Boten und betonte zugleich die Bedeutung einer funktionierenden Lokalzeitung für die Region. Das neue Blatt setzte verstärkt auf visuelle Elemente: Die Titelseite zierte stets eine großformatige Illustration, die jedoch meist Ereignisse ohne direkten Lokalbezug zeigte. Trotz dieses innovativen Ansatzes blieb auch dieses Projekt wirtschaftlich erfolglos und wurde vermutlich bereits im Juni 1882 wieder eingestellt. Noch im selben Jahr entstand jedoch ein weiteres pressegeschichtliches Kapitel: Am 20. September 1882 erschien die Erstausgabe des „Untermanhartsberger Kreis-Blatt für die politischen Bezirke Mistelbach, Groß-Enzersdorf, Ober-Hollabrunn, Korneuburg und den Gerichts-Bezirk Kirchberg am Wagram“. Herausgeber und Redakteur war Franz Schwedt. In den Jahren 1887 und 1888 wurden einzelne Ausgaben aufgrund antisemitischer Hetzartikel beschlagnahmt und ihre Verbreitung untersagt. Mit dem Tod von Franz Schwedt endete schließlich auch die Geschichte dieser Zeitung. Die letzte Ausgabe erschien am 15. Juli 1888. Trotz ihres vergleichsweise kurzen Bestehens dokumentieren diese frühen Lokalzeitungen eindrucksvoll die Herausforderungen, Ambitionen und auch die Brüche in der Entwicklung der regionalen Medienlandschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Quelle: Illustrirter Berziks-Bote, 25. Juni 1882, ÖONB: ANNO


Vom Gendermarieposten zur Polizeiwache
Die Bezeichnung der Gendarmerie in Österreich geht auf die französische „Gendarmerie“ zurück und wurde bereits 1609 erstmals als Bewachungstruppe für den Thronfolger verwendet. Der Begriff „gens d’armes“ bezeichnete ursprünglich militärische Aufgebote der Landstände und verweist auf die militärischen Ursprünge dieser Institution. Im Zuge der Revolutionen von 1848 und 1849 entstand die Idee, eine einheitliche Sicherheitstruppe für die gesamte Habsburgermonarchie zu schaffen. Auf Vorschlag von Ministerpräsident Fürst Schwarzenberg wurde die lombardische Gendarmerie als Vorbild herangezogen. Kaiser Franz Joseph I. genehmigte am 8. Juni 1849 die Errichtung der Gendarmerie, und bereits im Jahr 1850 bestanden 16 Regimenter. An ihrer Spitze stand der Generalinspekteur, der sowohl dem Kriegsministerium als auch in Verwaltungsfragen dem Innenministerium unterstellt war. Obwohl die Gendarmerie Teil des k. k. Heeres war und der Militärgerichtsbarkeit unterlag, bestand ihre Hauptaufgabe in der Aufrechterhaltung von öffentlicher Ordnung, Ruhe und Sicherheit. Während des Ersten Weltkriegs wurde die Gendarmerie sowohl als Feldgendarmerie im militärischen Einsatz als auch im Hinterland in ihren regulären Aufgaben eingesetzt. Nach dem Ende der Monarchie erfolgte 1918 die Umwandlung in einen zivilen Wachkörper mit militärischer Organisation, der dem Staatssekretär des Inneren unterstellt wurde. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Gendarmerie gezielt unterwandert. Zahlreiche Beamte wurden verfolgt, verhaftet oder aus dem Dienst entfernt, während andere in die deutsche Ordnungspolizei eingegliedert wurden, die für die Ziele des Regimes missbraucht wurde. Nach 1945 stand Österreich vor großen sicherheitspolitischen Herausforderungen. Aufgrund des Rückzugs vieler Gendarmen waren zunächst nur wenige Kräfte verfügbar. Dennoch gelang es der Gendarmerie rasch, ein Mindestmaß an Ordnung wiederherzustellen. Da sie die einzige bewaffnete Formation der Republik war, übernahm sie zusätzliche Aufgaben. So wurde 1946 die Grenzgendarmerie zur Sicherung der Staatsgrenzen eingerichtet, die bis 1955 bestand. 1950 entstand mit der B-Gendarmerie der Vorläufer des späteren Bundesheeres. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Gendarmerie kontinuierlich modernisiert. Bis 1964 wurde die vollständige Motorisierung erreicht, wodurch die Einsatzfähigkeit erheblich verbessert wurde. In den 1990er-Jahren kam es zu umfassenden Reformen: Das Dienstsystem wurde 1993 neu organisiert, ineffiziente Strukturen wurden abgebaut und die Präsenz im Außendienst erhöht. Diese Maßnahmen trugen dazu bei, die Sicherheitslage zu stabilisieren. Zum 150-jährigen Jubiläum im Jahr 1990 war die Gendarmerie für die Sicherheit von rund zwei Dritteln der Bevölkerung auf etwa 98 Prozent des Staatsgebiets zuständig. Im Zuge des EU-Beitritts Österreichs und der Schengen-Abkommen wurde die Grenzsicherung neu organisiert, um den Schutz der Außengrenzen zu gewährleisten. Über Jahrzehnte hinweg existierten in Österreich zwei Sicherheitsstrukturen nebeneinander: die Gendarmerie im ländlichen Raum und die Sicherheitswache in den Bundespolizeidirektionen der Landeshauptstädte (außer Bregenz) und in sechs weiteren Städten. Rund 15.000 Gendarmen versahen ihren Dienst außerhalb der urbanen Zentren und galten als vielseitige Generalisten. Mit 1. Juli 2005 wurde schließlich eine umfassende Reform umgesetzt: Die Bundesgendarmerie, die Sicherheitswache, der Kriminaldienst und Teile der Zollwache wurden zur einheitlichen Bundespolizei zusammengeführt. Damit endete die 156-jährige Geschichte der Gendarmerie in Österreich. Diese Reform brachte eine tiefgreifende Vereinheitlichung von Organisation, Ausrüstung, Kommunikation und Berufskultur und markiert den Übergang von der traditionellen Gendarmerieposten zur modernen Polizeiwache. Foto © Christian Lamminger Topothek Groß-Enzersdorf
Unser Autobus 26A in den Nachrichten
Die Stadt Groß-Enzersdorf blickt auf eine lange Geschichte der Verkehrsanbindung an Wien zurück. Bereits 1886 verband eine Dampftramway die Region mit der Innenstadt bis zur Stefaniebrücke. 1922 folgte die elektrische Straßenbahnlinie 317 nach Floridsdorf. Seit 1970 übernimmt der Autobus 26A diese Verbindung und bringt Fahrgäste bis nach Kagran. Am 1. August 1976 ereignete sich ein außergewöhnliches Unglück: In den frühen Morgenstunden stürzte die Reichsbrücke ein. Ein rund zwölf Tonnen schwerer Gelenkbus der Linie 26A, der sich ohne Fahrgäste auf der Strecke befand, wurde mit in die Tiefe gerissen. Die Erschütterung war so stark, dass sie sogar von der Erdbebenwarte auf der Hohe Warte registriert wurde. Der Bus hätte sich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht auf dieser Route befinden dürfen. Die reguläre Strecke führte über Essling, Aspern und Stadlau. Der Lenker nahm jedoch vermutlich aus Zeitdruck eine Abkürzung über die Reichsbrücke. Wie durch ein Wunder überlebte der Fahrer mit leichten Verletzungen. Der Bus blieb auf den Trümmern liegen und versank nicht vollständig in der Donau, was dem Lenker vermutlich das Leben rettete. Er setzte seinen Dienst später bis zur Pensionierung fort. Auch der Autobus wurde geborgen, repariert und wieder in Betrieb genommen. Bis zu seiner Außerdienststellung 1989 blieb er im Einsatz und ist heute im Verkehrsmuseum Remise als „Bus aus dem Fluss“ zu sehen. Die Geschichte des Autobus 26A verbindet Verkehrsentwicklung mit einem außergewöhnlichen Ereignis und bleibt ein eindrucksvolles Stück Erinnerungskultur. Foto © Mag. Dr. Sophie Schwindshackl Topothek Groß-Enzersdorf


Siechenhaus / Armenhaus
Im Laufe der Geschichte von Groß-Enzersdorf entstanden zahlreiche Einrichtungen, die dem Wohl der Bevölkerung dienten und zugleich den sozialen Zusammenhalt der Gemeinde widerspiegeln. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist die Errichtung eines Siechen- beziehungsweise Armenhauses gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1888, anlässlich des 40-jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers, formierte sich im politischen Bezirk Groß-Enzersdorf ein Komitee aus Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Schichten. Ziel dieses Zusammenschlusses war die Gründung eines Siechenhauses – eines Greisenasyls mit einer Abteilung für unheilbar Kranke. Darüber hinaus wurde auch die Möglichkeit in Betracht gezogen, eine Stiftung für die Angehörigen des Bezirks ins Leben zu rufen, um langfristig soziale Unterstützung zu gewährleisten. Bemerkenswert ist, dass trotz der erst kurz zuvor begonnenen Sammlung bereits eine Summe von über 8000 Kronen zur Verfügung stand, wie ein Zeitungsbericht "Welt Bild" vom 8. Dezember 1888 dokumentiert. Das Gebäude wurde in der Lobaustraße außerhalb der Stadtmauern errichtet. Ursprünglich als zweigeschossiger Bau errichtet, erfuhr es später eine Erweiterung durch den Ausbau des Dachgeschosses. In dieser obersten Etage wurde schließlich eine Kapelle eingerichtet, die den Bewohnerinnen und Bewohnern als Ort der Andacht und inneren Einkehr diente. Die Führung des Hauses lag in den Händen des Ordens der Kreuzschwestern, die sich mit großem Engagement der Pflege und Betreuung der ihnen anvertrauten Menschen widmeten. Im Jahr 1899 wurde das Gebäude offiziell als Bezirks-Altersheim genutzt und erfüllte damit über viele Jahrzehnte hinweg eine zentrale soziale Funktion. Ein bedeutender Wandel erfolgte am 14. November 1958, als die Stadtgemeinde Groß-Enzersdorf das Gebäude erwarb und in den Gemeindebau „Auhof“ umgestaltete. Damit passte sich das Haus den veränderten Bedürfnissen der Nachkriegszeit an und blieb weiterhin ein wichtiger Bestandteil des kommunalen Lebens. Heute existiert das historische Gebäude nicht mehr. Es wurde inzwischen abgerissen und durch einen modernen Wohnblock ersetzt. Dennoch bleibt die Erinnerung an das Siechen- und Armenhaus ein wichtiger Teil der lokalen Geschichte – als Zeugnis bürgerlichen Engagements, sozialer Verantwortung und der stetigen Weiterentwicklung der Gemeinde Groß-Enzersdorf. Foto © Ansichtskarte Topothek Groß-Enzersdorf
Wahlheimat für Persönlichkeiten
Die Stadt Groß-Enzersdorf wurde im Laufe der Zeit für mehrere bekannte Persönlichkeiten zur Wahlheimat. Viele von ihnen schätzten die besondere Lage der Stadt im ländlichen Umfeld, die Nähe zur Lobau sowie die gute Infrastruktur und die unmittelbare Verbindung zur nahegelegenen Großstadt Wien. Zu den schillerndsten Persönlichkeiten, die sich hier niederließen, zählt der österreichische Schauspieler, Kabarettist und Publikumsliebling Fritz Muliar. Er wurde am 12. Dezember 1919 in Wien geboren († 4. Mai 2009 in Wien) und entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der bekanntesten Künstler Österreichs. Seine Karriere begann im Kabarett, unter anderem beim legendären Wiener Simpl unter Karl Farkas, bevor er auch auf Theaterbühnen sowie in Film und Fernsehen große Erfolge feierte. Breite Popularität erlangte er unter anderem durch seine Rolle in der Der brave Soldat Schwejk. Über Jahrzehnte hinweg prägte er die österreichische Kultur- und Unterhaltungsszene mit seiner unverwechselbaren Art sowie seinem feinen Humor und blieb bis ins hohe Alter künstlerisch aktiv. Mit seiner Familie – seiner Ehefrau Franziska Kalmar und den beiden Söhnen – zog es Fritz Muliar schließlich nach Groß-Enzersdorf. Zunächst besaß er viele Jahre lang einen Bungalow am Donau-Oder-Kanal, wo er vor allem die Sommermonate verbrachte. Später übersiedelte er in ein Einfamilienhaus am Stadtrand, in unmittelbarer Nähe zur Lobau. Immer wieder konnte man den beliebten Schauspieler auch im Stadtkern oder bei Veranstaltungen antreffen, wo er von aufmerksamen Beobachtern erkannt wurde. Auch Groß-Enzersdorf wusste die Anwesenheit des bekannten Künstlers zu schätzen. Als Zeichen der Wertschätzung wurde eine Straße nach ihm benannt – die Fritz-Muliar-Gasse, die bis heute an den großen österreichischen Schauspieler und seine Verbindung zur Stadt erinnert. Foto © Autogrammkarte


Auf Familienspurensuche
Als Groß-Enzersdorferin in der vierten Generation, die ihr ganzes Leben in ihrem Heimatort verbracht hat, bezeichne ich mich schon als „Ur-Groß-Enzersdorferin“. Dabei ist mir bewusst, dass mein eigener familiärer Bezug zur Stadt nur ein kleiner Abschnitt in einer viel längeren Geschichte ist. Groß-Enzersdorf selbst kann schließlich auf eine stolze, über 1000-jährige und bewegte Vergangenheit zurückblicken. Trotz dieser langen Ortsgeschichte stellt sich früher oder später eine sehr persönliche Frage: Woher komme ich eigentlich? Wo liegen meine familiären Wurzeln? Wie haben meine Vorfahren gelebt, wo haben sie gewohnt, womit haben sie ihren Lebensunterhalt verdient – und wie haben sie wohl ausgesehen? Bei allem geschichtlichen Interesse ist für mich genau diese Spurensuche die spannendste Frage überhaupt. Aus den Erzählungen meiner Großmutter wusste ich schon früh ein wenig über den Ursprung unserer Familie. Mein Urgroßvater kam kurz nach 1900 aus dem Sudetendeutschland nach Oberhausen aufs Schloss Sachsengang. Dort leitete er die Bäckerei des Schlosses. In dieser Zeit lernte er auch ein Stubenmädchen kennen, das ebenfalls im Schloss arbeitete – meine spätere Urgroßmutter. Die beiden heirateten, und mein Großvater wurde laut Geburtsurkunde sogar noch im Schloss geboren. . Kurz vor dem 1. Weltkrieg wagte mein Urgroßvater einen großen Schritt: Er gründete in Groß-Enzersdorf die 1. Dampfbäckerei. Doch die Jahre danach brachten schwere Schicksalsschläge. Meine Urgroßmutter starb zu Beginn des Krieges, und mein Urgroßvater stand plötzlich mit drei kleinen Kindern und einem Bäckereibetrieb allein da. Damit nicht genug: Der Betrieb wurde behördlich geschlossen, und auch er selbst musste an die Front einrücken. Wie viele andere geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Erst zwei Jahre nach Kriegsende konnte er in seine Heimat zurückkehren. Trotz all dieser Umbrüche ging das Leben in Groß-Enzersdorf weiter – und auch die Geschichte unserer Familie setzte sich fort. Im Familienalbum finden sich heute nur noch wenige Fotografien, die meine Urgroßeltern zeigen. Umso spannender ist es, wenn man bei Recherchen plötzlich auf neue Dokumente stößt. Neben der erhaltenen Feldpost, die damals nur spärlich nach Hause gelangte, tauchen gelegentlich auch Zeitungsartikel auf, die Einblicke in die Zeit und eigene Familiengeschichte geben. Die Österreichische Nationalbibliothek bietet mit dem Service ANNO eine beeindruckende Online-Sammlung historischer Zeitungen und Zeitschriften – ein nahezu unerschöpfliches Lesebuch der Vergangenheit. Auch unsere Topothek Groß-Enzersdorf ist mittlerweile zu einer wertvollen Quelle geworden. Mit rund 2000 Fotos, Dokumenten und Videos bewahrt sie lokale Erinnerungen und macht Geschichte für kommende Generationen sichtbar. So wird Geschichte lebendig – nicht nur die große Weltgeschichte, sondern auch die kleinen, persönlichen Geschichten von Familien und Menschen, die einen Ort geprägt haben. Quelle: Zeitungsbericht in Illustrierte Kronenzeitung vom 5. April 1916
Versuchswirtschaft
Die Versuchswirtschaft Groß-Enzersdorf entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem die damalige Universität für Bodenkultur Wien (damals K. K. Hochschule für Bodenkultur) lange Zeit über keine eigene landwirtschaftliche Versuchswirtschaft verfügt hatte. Nach längeren Vorarbeiten wurde 1902 durch einen Erlass des Ministeriums für Cultus und Unterricht die Errichtung einer solchen Einrichtung genehmigt. Als Standort dienten zwei Außenschläge des Kaiserlichen Familienfondsgutes Esslingen bei Wien mit rund 50 Hektar, die für 30 Jahre gegen einen jährlichen Pachtschilling von 2000 Kronen an das Unterrichtsministerium verpachtet wurden. Die Gebäude entstanden nach Plänen des kaiserlichen Baudirektors Bertele von Grenadenberg. Das Hauptgebäude im Stil des Neobarocks bildet gemeinsam mit den Nebengebäuden ein geschlossenes architektonisches Ensemble. 1913 wurde im Raum Groß-Enzersdorf eine Flurbereinigung durchgeführt, bei der die Flächen der Versuchswirtschaft nur geringfügig verändert wurden. Gleichzeitig konnte eine zusätzliche Parzelle von 10,5 Hektar aus dem Besitz des Familienfonds zugepachtet werden. Die Eigentumsrechte dieses Fonds gingen im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach über: 1919 an den Kriegsgeschädigtenfonds, 1939 an das Land Österreich, 1940 an das Deutsche Reich und 1948 an die Republik Österreich. Im Zuge verschiedener Bauprojekte kam es auch zu Flächenverlusten: 1934 gingen etwa 3,5 Hektar für den Bau der Smola-Kaserne verloren, 1942 weitere vier Hektar im Zusammenhang mit dem nicht vollendeten Donau-Oder-Kanal. Erst 1977 wurde die Fläche durch eine Erweiterung im Gemeindegebiet von Raasdorf deutlich vergrößert und erreichte damit rund 143 Hektar. Seit 1903 befindet sich auf dem Gelände außerdem eine Wetterstation der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), die 1983 durch eine automatisierte agrarmeteorologische Station mit Lysimeteranlage ergänzt wurde. Heute dient die Versuchswirtschaft als zentrale Forschungsinfrastruktur für experimentelle Agrarwissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien. Seit 2006 ist auch das Versuchszentrum Jedlersdorf integriert, seit 2025 gehört die Einrichtung organisatorisch zum Department „Agrarwissenschaften“. . Foto © Ansichtskarte Topothek Groß-Enzersdorf


Stadttore
Als Groß-Enzersdorf im späten 14. Jahrhundert befestigt wurde, entstand eine geschlossene Ringmauer, die der Stadt Schutz und Kontrolle über den Handel bot. Die Stadtmauer wurde im Jahr 1396 begonnen und war bis 1399 weitgehend fertiggestellt. Sie war etwa sechs Meter hoch, mit Zinnen versehen und von einem Wassergraben umgeben. Über diesen Graben führten hölzerne Zugbrücken zu den Stadttoren, die mit Ketten und Winden hochgezogen werden konnten, sobald nachts die Tore geschlossen wurden oder sich verdächtige Personen näherten. Ursprünglich besaß Groß-Enzersdorf drei befestigte Stadttore. Die Ringmauer war außerdem mit Wachtürmen und Laufgängen ausgestattet, von denen aus die Verteidiger die Umgebung beobachten konnten. Im Osten, in Richtung Marchfeld, befand sich das sogenannte Kroatentor, das heute als Wittauer Tor bekannt ist. Seinen Namen erhielt es nach den Türkenkriegen des 16. Jahrhunderts: Nach der ersten Türkenbelagerung Wiens im Jahr 1529 wurden kroatische Siedler auf den damals entvölkerten Höfen des östlichen Marchfeldes angesiedelt, was dem Tor seine spätere Bezeichnung gab. Im Süden lag das Wassertor, das zum damals nahe gelegenen Donauarm führte. Über diesen Wasserweg gelangten Schiffe in die Nähe der Stadt, weshalb das Tor eine wichtige Rolle für Handel und Transport spielte. Im Nordosten befand sich das Wienertor, das heute als Raasdorfer Tor bezeichnet wird. Am Turm dieses Tores war eine Inschriftentafel angebracht, die an den Passauer Bischof Berthold von Wehingen erinnerte, unter dessen Einfluss der Bau der Stadtbefestigung im Jahr 1396 begonnen wurde. Erst wesentlich später, im Jahr 1810, entstand ein weiteres Stadttor. Im Zuge des Baus der Dampftramway wurde im Nordwesten ein neues Tor errichtet, das heutige Wiener Tor. Damit erhielt die mittelalterliche Stadtbefestigung eine zusätzliche Durchfahrt, die den veränderten Verkehrsverhältnissen der beginnenden Neuzeit Rechnung trug. Die Stadttore erfüllten im Mittelalter nicht nur eine militärische Funktion, sondern waren auch Orte der Kontrolle und Verwaltung. In den Tortürmen standen Wächter, die die ein- und ausgehenden Menschen beobachteten, Waren kontrollierten und Zölle sowie Mautgebühren einhoben. Häufig wohnte im Turm auch der sogenannte Türmer. Zu seinen Aufgaben gehörten die Überwachung der Stadtgrenzen, das rechtzeitige Warnen vor Feinden oder Bränden sowie das Läuten der Glocken. Warnsignale wurden beispielsweise durch das Zeigen eines roten Tuches oder das Aufstellen einer Lampe gegeben. Gleichzeitig sorgte der Türmer dafür, dass das Öffnen und Schließen der Tore geregelt ablief und der Zugang zur Stadt jederzeit kontrolliert blieb. So waren die Stadttore von Groß-Enzersdorf über Jahrhunderte hinweg nicht nur Teil der Verteidigungsanlage, sondern auch ein zentraler Punkt des städtischen Lebens, an dem Sicherheit, Handel und Verwaltung zusammenkamen. Sie prägten über Jahrhunderte das Erscheinungsbild und die Organisation der Stadt. . Quelle: Pinselzeichung Raasdorfertor nach Zeichnung von Franz Kutschera 1823 Topothek Groß-Enzersdorf
Aspirin im Briefchen
Dieses kleine Aspirin-Briefchen stammt aus einer Zeit, als Groß-Enzersdorf zwischen 1938 und 1955 verwaltungsmäßig noch zu Wien gehörte. Damals war es üblich, rezeptfreie Medikamente zu verkaufen. Die Tabletten wurden in kleine Papierbriefchen abgefüllt, die meist direkt in der Apotheke beschriftet oder mit Werbeaufdrucken der Pharmafirmen bereits versehen waren. Solche Verpackungen geben heute einen interessanten Einblick in den Apothekenalltag der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Stadapotheke in Groß-Enzersdorf wurde zu dieser Zeit von Ernst Schwertassek betrieben. Er übernahm den Betrieb im Jahr 1935 von seinem Vater Viktor Schwertassek. Bereits 1821 entstand am Hauptplatz der erste selbstständige Apothekerbetrieb der Familie. Im Jahr 1898 übersiedelte die Apotheke in die Elisabethstraße, bevor sie 1973 unter Mag. pharm. Ludwig Unger an ihren heutigen modernen Standort am Kirchenplatz 16 verlegt wurde, wo sie bis heute besteht. Schon damals spielte Werbung für pharmazeutische Produkte eine wichtige Rolle. Auch auf den kleinen Medikamentenbriefchen war Markenwerbung präsent. Besonders Aspirin hatte sich bereits früh als bekanntes Schmerzmittel etabliert: Der Markenname war seit 1899 geschützt und das Präparat wurde weltweit gegen Erkältungen, Rheuma, Grippe, Fieber sowie gegen Kopfschmerzen eingesetzt. Mitte des 20. Jahrhunderts galt es bereits als bewährtes Standardmedikament, dessen Bekanntheit in den 1950er-Jahren weiter wuchs – lange bevor in den 1970er- und 1980er-Jahren zusätzlich seine vorbeugenden Eigenschaften im Bereich des Herz-Kreislauf-Schutzes intensiver erforscht wurden. Ein einfaches Papierbriefchen aus der Apotheke erzählt damit nicht nur von der Geschichte eines bekannten Medikaments, sondern auch von der Entwicklung des Apothekenwesens in Groß-Enzersdorf und vom Alltag einer Zeit, in der Medikamente noch einzeln über den Ladentisch gingen. Foto © Christian Lamminger


Vom Kino zum Supermarkt
Mit dem Aufkommen und der zunehmenden Verbreitung des Tonfilms in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hielt auch in der Stadt Groß-Enzersdorf eine neue Form der Unterhaltung Einzug: das Kino. In der Lobaustraße 4 entstand damals ein Ort, der vielen Bewohnerinnen und Bewohnern unvergessliche Filmabende bescherte – die Lichtspiele Enzersdorf. Besitzer des Kinos war zunächst Franz Oleschar, der dort die erste öffentliche Lichtbildschau der Stadt präsentierte. Das Kino entwickelte sich rasch zu einem beliebten Treffpunkt für die Bevölkerung. In einer Zeit, in der bewegte Bilder noch eine besondere Faszination ausübten, boten die Vorführungen eine willkommene Abwechslung zum Alltag und brachten ein Stück große Welt nach Groß-Enzersdorf. Im Laufe der Jahre wechselte das Kino mehrmals die Betreiber. Nach Franz Oleschar führten Antonia Planer und später Alois Rejmar den Betrieb weiter. Doch wie viele kleine Lichtspielhäuser hatte auch das Groß-Enzersdorfer Kino mit den Veränderungen der Zeit zu kämpfen. Mit der zunehmenden Verbreitung des Fernsehens in privaten Haushalten ab den 1950er- und 1960er-Jahren gingen die Besucherzahlen immer stärker zurück. Schließlich musste das Kino seinen Betrieb einstellen: Am 29. Dezember 1968 lief der letze Film und das Stadtkino wurde endgültig geschlossen. Das Gebäude blieb jedoch weiterhin ein wichtiger Ort für die Nahversorgung der Stadt. Schon bald zog dort der erste Supermarkt von Groß-Enzersdorf ein – der Vorteilsmarkt von Johann Pemsel. Damit begann für das Haus ein neues Kapitel: Vom Ort der Unterhaltung wurde es zu einem Ort des täglichen Einkaufs. In späteren Jahren übernahm schließlich die österreichische Lebensmittelkette Billa das Gebäude. Im Zuge der Modernisierung wurde das alte Haus schließlich abgetragen und durch einen Neubau ersetzt. Auch wenn vom ursprünglichen Kino heute nichts mehr zu sehen ist, bleibt die Erinnerung an die Lichtspiele Enzersdorf ein interessantes Kapitel der lokalen Stadtgeschichte – ein Symbol für den Wandel von Freizeitkultur, Konsum und Alltag im Laufe des 20. Jahrhunderts. . Quell: Programm Stadtkino 1968 Topothek Groß-Enzersdorf
Straßenbahn 317
Die legendäre Straßenbahnlinie 317 verband über viele Jahrzehnte die Kleinstadt Groß-Enzersdorf in Niederösterreich mit der Großstadt Wien und spielte damit eine zentrale Rolle in der regionalen Verkehrsgeschichte. Ihre Ursprünge reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück, als am 7. Juni 1886 eine Dampftramway zwischen Groß-Enzersdorf und Floridsdorf eröffnet wurde. Diese Verbindung stellte erstmals eine regelmäßige und vergleichsweise schnelle Transportmöglichkeit mit 10km im Ortsgebiet und 20km Überland zwischen den landwirtschaftlich geprägten Orten des Marchfelds und den wirtschaftlichen Zentren der damaligen Reichshauptstadt dar. Die Strecke begann ursprünglich am Floridsdorfer Spitz und führte als Dampfstraßenbahn über das Donaufeld nach Kagran, weiter über Hirschstetten, Aspern und Essling bis nach Groß-Enzersdorf. Mit einer Länge von rund 14,7 Kilometern durchquerte die Strecke sowohl Wiener Stadtgebiet – heute die Bezirke 21 und 22 – als auch niederösterreichisches Umland. Insgesamt dauerte die Ära der Dampftramway 36 Jahre, bis sie schließlich am 22. Jänner 1922 von einer elektrischen Straßenbahn, der Linie 317 abgelöst wurde. Die Elektrifizierung brachte nicht nur eine höhere Geschwindigkeit, sondern auch dichtere Intervalle und mehr Komfort für die Fahrgäste. Die Linie 317 verkehrte zunächst von Floridsdorf über Kagran bis nach Groß-Enzersdorf und blieb über Jahrzehnte hinweg ein unverzichtbares Verkehrsmittel für die Bevölkerung im Osten Wiens und im angrenzenden Marchfeld. In den 1960er-Jahren kam es zu betrieblichen Veränderungen. Ab 1966 endete die Straßenbahnlinie nur noch in Kagran, während der Abschnitt nach Floridsdorf neu organisiert wurde. Dennoch blieb die Linie 317 weiterhin ein bedeutender Bestandteil des regionalen Verkehrsnetzes. Erst am 30. August 1970 nach 48 Jahren wurde der Betrieb endgültig eingestellt. Verkehrspolitisch setzte man nun zunehmend auf Busse und den wachsenden Individualverkehr mit dem Auto. Schienengebundene Verkehrsmittel galten vielerorts als weniger flexibel. . Ein Teil der ehemaligen Strecke blieb erhalten und ist weiterhin Bestandteil des Wiener Straßenbahnnetzes. Auf diesem Abschnitt verkehrt heute die moderne Straßenbahnlinie 26 (Wien), die weiterhin wichtige Verbindungen in der Donaustadt bedient. Foto © Mag. Sopie Schwindshackl Topothek Groß Enzersdorf


Stadtrecht
Zu Ostern des Jahres 1396 erfuhr die bereits 1189 erstmals als „Marckt Enzerstorff“ erwähnte Siedlung einen entscheidenden politischen und wirtschaftlichen Aufschwung: Sie erhielt das Stadtrecht und wurde damit offiziell zur Stadt erhoben. Maßgeblich beteiligt daran war Berthold von Wehingen, Bischof von Bistum Freising und zugleich Kanzler von Österreich ob und unter der Enns. Er erwirkte von den österreichischen Herzögen Wilhelm, Leopold und Albrecht IV. die Verleihung der Stadtrechte für das heutige Groß-Enzersdorf. Mit dieser Erhebung waren konkrete Privilegien, wirtschaftliche Vorteile und bauliche Maßnahmen verbunden, die das Erscheinungsbild und die Bedeutung des Ortes nachhaltig prägten. Ein zentrales Element der Stadterhebung war der Bau einer Stadtmauer. Die Befestigung diente nicht nur dem Schutz der Bevölkerung und ihrer wirtschaftlichen Ressourcen, sondern war zugleich sichtbares Zeichen des neuen rechtlichen Status. Mit Mauern, Toren und Türmen erhielt die Stadt ein wehrhaftes Gepräge, das Sicherheit versprach und Handel sowie Handwerk begünstigte. Ein weiteres bedeutendes Recht war die Erlaubnis, das Wappen des Bischofs Berthold als Stadtwappen zu führen. Es verlieh der Stadt nicht nur ein heraldisches Erkennungsmerkmal, sondern dokumentierte zugleich ihre rechtliche Stellung und ihre Bindung an die freisingische Herrschaft. Schließlich war mit dem Stadtrecht auch das Jahresmarktrecht verbunden, welches das Abhalten eines jährlich wiederkehrenden Marktes gestattete, zu dem Händler aus der Umgebung und darüber hinaus anreisten. Solche Jahrmärkte förderten den wirtschaftlichen Austausch, steigerten die Einnahmen durch Zölle und Standgebühren und stärkten die Stellung der Stadt als regionales Zentrum. Handel, Handwerk und Gewerbe konnten sich unter dem Schutz der neuen Rechte entfalten. Die Ereignisse der Ostertage 1396 markieren somit einen Wendepunkt in der Geschichte der Stadt: Aus dem mittelalterlichen Marktort wurde eine befestigte, rechtlich privilegierte Stadt mit eigenem Wappen und bedeutenden Handelsrechten. Diese Entwicklung legte den Grundstein für ihre weitere historische Entfaltung und prägt ihr Selbstverständnis bis in die Gegenwart. Quelle: Kolorierte Radiegung von Georg Matthäus Vischer 1672


