Ältestes erhaltene Glasrezept
Das älteste überlieferte Rezept zur Glasherstellung stammt aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. und ist auf Tontafeln dokumentiert, die dem assyrischen König Ashurbanipal zugeschrieben werden. Diese Tafeln wurden in der berühmten Bibliothek von Ninive entdeckt, einem der bedeutendsten kulturellen Zentren des Alten Orients. Die Bibliothek, die als eine der ersten systematisch angelegten Büchersammlungen der Geschichte gilt, enthielt tausende Keilschrifttafeln mit religiösen Texten, Mythen, Verwaltungsdokumenten und wissenschaftlichen Abhandlungen. Zwischen diesen Texten findet sich auch eine bemerkenswerte technische Anleitung zur Herstellung von Glas – ein früher Beleg für die bewusste Steuerung chemischer Prozesse durch den Menschen.
Das überlieferte Rezept lautet sinngemäß: „Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen, 5 Teile Kreide – und du erhältst Glas.“ Diese klar formulierte Mischanweisung zeugt von erstaunlicher Präzision. Der Sand lieferte das Siliziumdioxid, das den Hauptbestandteil des Glases bildet. Die Asche aus Meerespflanzen enthielt Natriumkarbonat und andere Salze, die als Flussmittel wirkten und den Schmelzpunkt des Sandes deutlich herabsetzten. Die Kreide schließlich brachte Kalziumkarbonat in die Mischung ein, das dem entstehenden Glas Stabilität verlieh und verhinderte, dass es sich im Kontakt mit Feuchtigkeit wieder auflöste. In dieser Kombination entstand ein Material, das durchsichtig, formbar und zugleich widerstandsfähig war – eine technische Errungenschaft von großer kultureller Bedeutung.
Dieses Rezept offenbart ein fundiertes praktisches Wissen über Materialeigenschaften und Schmelzvorgänge. Zwar kannten die assyrischen Handwerker noch nicht die chemischen Formeln im modernen Sinne, doch sie wussten aus Erfahrung, welche Stoffe in welchem Verhältnis kombiniert werden mussten, um ein brauchbares Ergebnis zu erzielen. Glas war im Alten Orient ein kostbares Material, das für Schmuck, Gefäße, Amulette und Einlegearbeiten verwendet wurde. Seine Herstellung erforderte hohe Temperaturen und sorgfältige Kontrolle des Brennofens – ein technologischer Aufwand, der spezialisiertes Handwerk voraussetzte.
Die Tontafeln aus dem neuassyrischen Reich zeigen damit eindrucksvoll, dass technisches Wissen bereits vor über 2.700 Jahren schriftlich fixiert und systematisch weitergegeben wurde. In Assyrien war Schrift nicht nur ein Mittel zur Verwaltung oder zur Überlieferung von Mythen, sondern auch ein Instrument zur Bewahrung handwerklicher Expertise. Das Glasrezept aus der Zeit Ashurbanipals steht exemplarisch für diesen Wissensschatz und markiert einen wichtigen Schritt in der Geschichte der Materialtechnologie. Es verbindet empirische Erfahrung mit schriftlicher Dokumentation und macht deutlich, dass die Grundlagen moderner Werkstoffkunde ihre Wurzeln tief in der antiken Welt haben.
Literatur
Schmidt, Katharina: Glass and Glass Production in the Near East during the Iron Age Period: Evidence from Objects, Texts and Chemical Analysis. Oxford: Archaeopress, 2019
Bezold, Carl: Catalogue of the Cuneiform Tablets in the Kouyunjik Collection of the British Museum – Katalogeinträge zu den Glasrezept‑Tafeln aus der Bibliothek von Ninive, 1889.
